Ein Gastbeitrag von Tom-Felix Berger


Die Hautfarbe eines Menschen ist unbedeutend. Ob ich schwarz, weiß, grün, gelb, blau bin, das macht rein gar keinen Unterschied für mein Verhalten und jede*r, der*die etwas Anderes behauptet ist schlichtweg rassistisch. Das ist meine Meinung gewesen, solang ich denken kann und begriffen hab, dass nicht alle Menschen so aussehen wie ich. Doch seit heute habe ich einige Zweifel daran.

Ich war gerade im Kino in „Get Out“, irgendwas zwischen Horror und Thriller. Der Plot des Filmes in kurz zusammengefasst [SPOILER ALERT]: Chris, ein Schwarzer, lernt die Familie seiner Freundin Rose, einer Weißen, kennen. Er hat einige Bedenken, weil ihre Eltern scheinbar noch nicht wissen, dass er schwarz ist. Die bestätigen sich zunächst jedoch nicht, die Familie ist nett und vielleicht latent rassistisch, aber nicht mehr, als es für eine amerikanische, weiße Familie normal sein könnte, es ist eher eine übersteigerte Vorsicht, nicht rassistisch zu wirken, die sie Chris anders behandeln lässt, als sie eine*n Weiße*n behandeln würden. Nur eines ist merkwürdig: Die zwei Bediensteten sind beide schwarz. Am Wochenende findet im Haus von Roses Eltern eine Familienfeier statt, die sie behauptet vergessen zu haben. Die Gäste sind alle weiß, als Chris den ersten Schwarzen trifft, stellt sich schnell heraus, dass auch er nur ein Bediensteter ist. Langsam aber sicher entwickelt sich der latente Rassismus zu einem offenen: Roses Bruder lobt Chris für sein ausgezeichnetes Gen-Material, ein Ex-Golfer spricht ihn auf Tiger Woods an, eine alte Dame fragt Rose, ob es wahr sei, was man über schwarze im Bett sagt. Es stellt sich mit der Zeit heraus, dass all das, die Nettigkeit der Eltern, die Familienfeier, selbst die Beziehung zu Rose nur inszeniert und der einzige Zweck seines Besuches seine Verlosung als Sklaven an einen der Gäste im Bingo ist, wie es schon all den Bediensteten vor ihm ergangen ist. Natürlich schafft er es schlussendlich, diesem Schicksal um Haaresbreite zu entgehen, doch nicht ohne eine gewisse Blutspur hinter sich herzuziehen.

Dieser Film hat etwas in mir bewegt. Soweit das mit cineastischen Mitteln möglich ist aus Sicht eines Schwarzen, die Diskriminierung, ob absichtlich oder unbewusst, derer Chris permanent ausgesetzt war und die Andersartigkeit, die Abweichung von einer konstruierten Norm des Weißseins zu erleben, hat mir klar gemacht: Es ist nicht egal, welche Hautfarbe ich habe. Es erwächst daraus eine schwere Bürde, die nicht dadurch aufgelöst wird, die Augen vor ihr zu verschließen und so zu tun, als hätte die Gesellschaft den Rassismus längst überwunden.

Es geht nicht darum, Menschen nach Hautfarbe oder Kultur zu trennen, sondern um das Gegenteil, sie zusammenzubringen.

Es geht dabei allerdings nicht darum, Unterschiede zu suchen, zu finden und zu festigen. Es geht nicht darum, Menschen nach Hautfarbe oder Kultur zu trennen, sondern um das Gegenteil, sie zusammenzubringen. Es geht nicht darum, die Theorie des Ethnopluralismus, der von unterschiedlichen Kulturen, deren Erhalt vom Multikulturalismus bedroht sei, ausgeht, zu bestätigen, denn Ethnopluralismus ist einfach nur ein schöneres Wort für Rassismus. Und Vertreter*innen der Critical Whiteness, die von kultureller Aneignung sprechen, wenn ein Nicht-Schwarzer Dreads trägt, bewegen sich damit in eine sehr gefährliche Richtung.

Was ich meine, wenn ich sage, dass aus der Hautfarbe eines Menschen eine Bürde erwächst, lässt sich vermutlich am leichtesten an einem Beispiel erklären: Ich bin weiß, also nenne ich einen Schwarzen verdammt nochmal nicht Nigger! Und da spielt es überhaupt keine Rolle, ob es im Hip Hop oder sonst wo üblich ist, dass Schwarze sich gegenseitig so nennen, und es ist auch nicht rassistisch jemandem dieses Wort zu verwehren, weil er*sie weiß ist. Wir sind dazu verpflichtet den gesellschaftlichen Kontext unseres Handelns zu betrachten und solange Schwarze von latentem Rassismus, Praktiken wie Racial Profiling oder rassistischer Gewalt betroffen sind, sind Nicht-Schwarze zurecht schneller unter Verdacht diskriminierend zu sein als Schwarze.

Jede Minderheit kennt das übrigens auch. Flüchtlinge, denen ständig vorgeworfen wird, sie würden Frauenrechte ablehnen und potenzielle Vergewaltiger sein. Schwule, die als sentimentaler, unentschlossener und schwächer gelten. Juden, die es sich angeblich in ihrer Opferrolle bequem machen. All diese Menschen müssen täglich alles daran setzen, diese Vorurteile zu widerlegen und werden schneller als jede*r andere mit den jeweiligen Eigenschaften abgestempelt.

Nur weil ich in einer weißen Mehrheitsgesellschaft die Norm erfülle, heißt das nicht, dass ich mich nicht kritisch mit meiner Hautfarbe auseinandersetzen muss. Meine Vielzahl an Privilegien verpflichtet mich Tag für Tag zu beweisen, dass ich mich mit vollem Herzen dafür einsetze, sie allen Menschen zuteil werden zu lassen.


 

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