olympe-de-gouges

Article 1 La femme naît libre et demeure égale à l’homme en droits.
Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Mann an Rechten gleich […]

-Auszug aus der “Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin”, Olympe de Gouges 1791

Feministische und Antisexistische Themen lassen die Kommentarspalten von Medien und Blogs zuverlässig vor Beschimpfungen überquellen. Offenbar gibt es eine ungeheure Wut gegen die Bewegung und die Menschen, die in ihrem Namen sprechen. 226 Jahre nach Olympe de Gouges ist das eine erschütternde Bilanz. Doch feministische Diskussionen sind nicht nur wegen obligatorisch beleidigten Leuten so leicht entflammbar, sondern auch immer häufiger wegen berechtigter, sachlicher Kritik an Feminismus von denen, die sich durchaus mit den Zielen des Themas identifizieren können. Leider schürt Feminismus eben auch unter potentiellen Unterstützern allzuoft Ressentiments. Sehen wir aber über diese, unsere Differenzen hinweg, dann fällt auf:

Es passiert jedem; man macht zum Beispiel einen Witz und denkt sich: “Jo Anna, da haste mal wieder richtig einen gerissen!”, ohne zu bemerken, dass man sein Gegenüber eigentlich total beleidigt hat. Niemand kann sich davon freisprechen, ja meistens merken wir selbst überhaupt nicht, wenn etwas sexistisch oder politisch unkorrekt ist. Keiner denkt sich: “Oh, ich bin jetzt mal super sexistisch und ruiniere der kleinen Feministin den Tag”, aber auch wenn wir es wohl alle gut meinen, sollten wir probieren an uns zu arbeiten. Ich weiß, die Vorsätze für 2017 werden lang; weniger trinken, mehr Sport, weniger unvorteilhafte lila Strickpullis tragen und jetzt auch noch weniger alltagssexistisch sein… Dennoch werde ich euch hier erzählen, was mir in letzter Zeit an Alltagssexismus aufgefallen ist.

Erstens: Beim Einkaufen

Ich gehe also durch dm, schnappe mir mein Lieblingsshampoo und bin schon auf dem Weg zur Kasse als mich eine Verkäuferin anspricht: “Ah, junge Dame, dieses Produkt haben wir aber auch noch für Frauen”… Ah, liebe Verkäuferin, vielen Dank für den Hinweis, denn dann muss ich für dieses Männershampoo aus der Männerabteilung wahrscheinlich auch mit Männergeld bezahlen, zu schade ich habe heute nämlich leider nur Frauenmünzen dabei! Ganz ehrlich: muss denn immer alles nach Geschlechtern getrennt sein? Dasselbe gilt für Kleidung: Egal was du einkaufst, immer steht die Frage im Raum: Ist das für Männer oder für Frauen? Nun, ich denke das weiße T-Shirt wird jedem passen, solange derjenige nicht drei Arme hat! Gelegentlich sollten wir uns echt daran erinnern, dass nicht gleich der ganze Laden in die Luft fliegt, sobald man die Geschlechtergrenze übertritt.

Gerade bei Kinderspielzeugen stört mich der Sexismus. Ich finde es einfach nicht akzeptabel, wenn z.B. alle naturwissenschaftlichen Spielzeuge unter einem Schild mit der Aufschrift “Für Jungen” stehen und Puppen, Kuscheltiere, sowie Kunstzubehör nur “für Mädchen” gedacht sind.

Während der amerikanischen Kampagne “Let Toys Be Toys” sind viele Briefe an betroffene Kinderläden verfasst worden mit Inhalten wie: “Retailers put too much emphasis on e.g. aggressive toys for boys and inhibit them from expressing their full nature. We feel that making a change will benefit your business by giving children a wider choice and showing parents that your company is a progressive company, willing to step into the 21st century and discard these outdated attitudes”.

Dem stimme ich vollkommen zu. Ich finde es im Großen und Ganzen einfach schrecklich auf sein Geschlecht, seine Hülle, reduziert zu werden. Ob du Gilmore Girls und Justin Bieber magst oder lieber Gangster-Rap hörst sollte einfach so gar nichts damit zu tun haben müssen.

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Auch Ellen DeGeneres hat ein lustiges Video über dieses Thema gedreht:

https://www.youtube.com/watch?v=eCyw3prIWhc

Zweitens: Catcalling

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Cat-calling sind im Grunde genommen Pfiffe & unerwünschte Zurufe, die vor allem Frauen von Männern auf der Straße bekommen und sie objektifizieren. Frauen werden dabei auf ihr Aussehen reduziert und das ist nicht nur nervig, sondern auch verachtenswert. Denn “oh Wunder”, nein, wir genießen es nicht, wenn Fremde Kommentare zu unserem Körper abgeben! Die Idee, dass Frauen es als Kompliment nehmen sollten ist also Blödsinn, weil das bedeuten würde, dass Männer es auch als respektvolles Kompliment meinen, wenn sie dir nachrufen, wie geil dein Körper ist, was sie aber offensichtlich nicht tun. Hast du tatsächlich die Absicht einer Frau ein Kompliment zu machen, hier ein Tipp: es gibt viele Wege, die nicht beleidigend sind! Auf diese Art und Weise aber wertest du dich selbst und die angesprochene Person ab, also lass es bitte bleiben! Wir als Kultur brauchen eine echte Umerziehung in Sachen holistische Gleichberechtigung und dem Ernst von Catcalling.

Was man einer Fremden eigentlich nachruft, bei angreifendem und widerlichem Catcalling fasst buzzfeed sehr schön in diesem Video zusammen:

https://www.youtube.com/watch?v=lUJ24mblCLY

Drittens:  #freethenipple!

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Putin, hoch zu Ross, mit nacktem Oberkörper und stolzgeschwellter Brust: läuft. Rihanna räkelt sich oben ohne: ein Fall für Zensur. Fotos dieser Art werden von sozialen Netzwerken, wie Facebook umgehend gelöscht. Auch Instagram verbietet Nippel; nur die von Frauen natürlich. Aber wenn Männer oben ohne sein dürfen, warum dürfen Frauen es nicht auch? Prüderie meets Übersexualisierung. Um gegen die Diskriminierung weiblicher Brustwarzen anzukämpfen posten Accounts nun zum Beispiel Bilder von Nippeln, die man keinem Geschlecht zuordnen kann.

Evelyne, die Gründerin eines solchen Accounts sagt: “Wenn es schwer ist männliche und weibliche Brustwarzen überhaupt zu unterscheiden, warum werden die einen dann sexualisiert und verpixelt oder mit einem schwarzen Balken versehen, während die anderen frei bleiben?”

Ja, Instagram geht gegen weibliche Brustwarzen vor- Grund genug für Demi Moores Tochter Scout Willis, oberkörperfrei in New York shoppen zu gehen. Auch in Dänemark wäre das möglich. Dort ist die weibliche Brust nämlich entsexualisiert und wird nicht mehr als Geschlechtsteil betrachtet. Die meisten anderen Länder der Welt sind leider noch nicht so weit. Schade, denn ich will mich nicht für meinen Körper schämen müssen, sondern selbst darüber entscheiden.

Viertens: Rasieren

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Zu diesem Thema nur ein paar Worte-

Haarentfernung ist kein Muss, sondern eine Modeerscheinung und deshalb auch reine Geschmackssache. Selbst bei heutigen Medien musst du dich als Frau nicht dazu gezwungen fühlen. Sich nicht zu rasieren ist weder unsauber, noch unhygienisch. Du kannst dich jederzeit entscheiden, damit aufzuhören. Und du kannst, wenn du magst, auch jederzeit wieder damit anfangen; hauptsache du tust es für dich und nicht für andere.



Also das nächste Mal, wenn mich jemand nervig findet und mir erklärt: “Jetzt reicht´s aber mal mit dem ganzen Feminismus, dir geht´s ja eh gut!”,

dann werde ich ihm antworten: “Nein! Denn nur, weil es besser ist als in den Fünfzigern, heißt das ja nicht, dass es nicht noch viel mehr Verbesserungsbedarf gibt; all die oben angebrachten Beispiele zeigen das für mich. Bei den Kleinigkeiten in unserem traurigen Alltag fängt es nämlich an, die man dann überall in der Gesellschaft wiederfinden kann. Und so banal und trivial das ist: wir brauchen Feminismus. Wir brauchen Feminismus sogar ganz, ganz dringend! Es ist zwar schade, weil es selbstverständlich sein sollte, aber es muss sich weiter eingesetzt werden für

  • Frauenrechte als Menschenrechte (z.B. weibliche Genitalverstümmelung)
  • Konstruktion bzw. Dekonstruktion von Geschlechtsidentität
  • Die Schuld von Frauen an Gewalt (z.B. im Nationalsozialismus)
  • Sprachkritik
  • Gleichberechtigung von Mann und Frau in Politik, Bildung, Ehe und Scheidungsrecht
  • Sexuelle Selbstbestimmung und reproduktive Selbstbestimmung

und natürlich auch gegen unsern guten alten Alltagssexismus. 😉

Feminismus ist weiterhin eines der relevantesten Themen überhaupt. Wenn du an Gleichberechtigung glaubst, dann ist es deine Verantwortung jetzt etwas zu unternehmen. Wenn du weisst, wie ungerecht Sexismus ist, dann steh dafür ein und sprich es an. Deine Chance etwas zu verändern ist heute, hier und immer, also lass sie nicht verstreichen!

 

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